LUTHERKIRCHE Keine Zuschüsse von der Evangelischen Landeskirche: Gemeindemitglieder greifen selbst zu Pinsel und Kelle
,,Wir streichen unsere Kirche selber``
VON RONALD LEDERMÜLLER
An der Lutherkirche bröckeln Putz und Farbe. Dem erwarteten Zuschuss für die Renovierung des Gotteshauses erteilte die Landeskirche eine Absage. Aber anstatt zu warten, bis rosigere Zeiten anbrechen und Zuschüsse wieder fließen, schwingen jetzt Gemeindemitglieder in ihrer Freizeit Pinsel und Putzkelle.
HOF - Vieles in Hof und der Region bedürfte einer Erneuerung: Häuser verfallen, Straßen und Wege haben tiefe Löcher und auch an vielen Kirchengebäuden nagt sichtbar der Zahn der Zeit. Regen, Wind und Sonne haben auch der Fassade der Lutherkirche in den vergangenen Jahrzehnten sichtlich zugesetzt. ,,Besonders auf der Wetterseite wirkte sie schon fast schäbig``, sagt Pfarrer Markus Wandtke. Ein Beschluss, das Kirchengebäude zu sanieren, war schnell gefasst. Wie üblich stellte die Gemeinde bei der Evangelischen Landeskirche einen Antrag auf Zuschuss. Mit diesem Geld sei normalerweise relativ sicher zu rechnen gewesen, erläutert Wandtke. Aber auch die Kassen der Landeskirche sind leer. Ergebnis: Ein allgemeiner Baustopp wurde verordnet, die Zuschüsse für die Lutherkirche wurden nicht genehmigt.
Die Einsicht, dass jammern und Däumchen drehen nichts voranbringen, ist nicht neu. Die Gemeinde der Lutherkirche zog die Konsequenz: ,,Wir packen das selber an.`` Innerhalb des Kirchenvorstandes wurde beschlossen, die Renovierung selbst zu finanzieren und die Mitglieder der Gemeinde aufzurufen, sich an den Arbeiten zu beteiligen. In einem Gemeindebrief bat Pfarrer Wandtke seine ,,Schäfchen`` um tatkräftige Unterstützung, entweder durch Spenden, oder indem sie selbst zu Malerpinsel und Putzkelle greifen. Pfarrer Wandtke: ,,Das Echo war wirklich großartig. Es haben sich mehr Leute bereit erklärt zu helfen, als ich es mir eigentlich erhofft hatte.``
Am vergangenen Dienstag startete nun das Projekt ,,Wir-streichen-unsere-Kirche-selber``. Eine Spezialfirma rüstete das Kirchenschiff und den Glockenturm ein. ,,Diese Aufgabe mussten wir natürlich Spezialisten überlassen, und auch das Streichen des Turmes übernehmen Profis``, sagt Wandtke, der seit Dienstag ebenfalls für einen Großteil des Tages den Talar gegen die Arbeitsklamotten tauscht. Wo es möglich ist, stehen aber Männer, Frauen und sogar Kinder aus der Gemeinde auf dem Gerüst. Sie reinigen die Fassade, bessern den Putz aus und tragen schließlich den neuen, schneeweißen und atmungsaktiven Silicat-Anstrich auf.
Acht freiwillige Renovierer tummeln sich jeden Tag auf der Baustelle. Und sie sind mit solchem Feuereifer bei der Sache, dass vermutlich einige bereitwillige Helfer gar nicht mehr dazu kommen werden, ihre Hilfsbereitschaft ausleben zu können. Wandtke: ,,Wenn es so weiter läuft, werden die Arbeiten wohl gar nicht vier Wochen dauern, so wie es eigentlich geplant war. Möglicherweise werden wir schon in dieser Woche fertig. Dann kommen einige, die ihre Hilfe im Juli angeboten haben, gar nicht an die Reihe.``
Der Pfarrer der Lutherkirche ist sich außerdem sicher, dass diese Aktion auch einen positiven Effekt auf das Gemeindeleben haben wird. ,,Wir wollen auch die Menschen einladen, am Leben der Kirchengemeinde teilzunehmen, die sich vielleicht nicht für die Teilnahme an einer Bibelstunde begeistern können.`` Und tatsächlich schwingen nicht nur treue Gottesdienstbesucher in schwindelerregender Höhe den Pinsel. ,,Ich bin eigentlich kein Kirchgänger, aber hier zu helfen, war für mich eigentlich selbstverständlich``, sagt stellvertretend für viele andere, Manfred Gebhardt, während er die Farbrolle über die Fassade sausen läßt. Der ehemalige Werksmalermeister bringt seine Erfahrung gerne ein und gibt seinen Mithelfern Tipps. Auch für seinen alten Freund Edmund Bär war es gar keine Frage mitzuhelfen: ,,Wenn kein Geld da ist, dann muss man halt zusammenlangen.`` Sein Hobby nutzte Bär zudem, um ein paar Euro für die Renovierung zusammen zu bekommen: Er baute ein Modell der Lutherkirche aus Sperrholz und verkaufte es. Das Geld wurde in Farbe investiert.
Während Bär und Malermeister Gebhardt fleißig streichen, bessern Hans Kießling und Alexander Militzer die Rosette des bunten Glasfensters über dem Haupteingang der Kirche aus. Auch sie gehören, wie sie sagen, nicht zu denjenigen, die ,,jeden Sonndoch in die Kärng renna``. Kießling: ,,Aber bei so was hilft man einfach gerne, es macht ja auch Spaß.`` Und Alexander Militzer ergänzt: ,,Diese Kirche gehört halt trotzdem dazu, ich habe hier zum Beispiel geheiratet.``
Die Rechnung scheint also insgesamt aufzugehen. Die Lutherkirche wird schon bald in einem neuen weißen Kleid erstrahlen, die Renovierung kommt, laut Pfarrer Wandtke, rund 5000 Euro billiger als ursprünglich geplant, und die Gemeinschaft innerhalb der Kirchengemeinde erhält neue Impulse. ,,Gemeinschaftliches Zusammenleben und gegenseitiges Helfen - auf dem Dorf heute noch öfter finden -, ist leider in der Stadt zum Großteil verloren gegangen. Das wollen wir in unserer Gemeinde wiederbeleben``, sagt Wandtke. Und: ,,Mit diesem Anfang sind wir, glaube ich, auf einem guten Weg.``
© Lutherkirche Hof - November 2002